Hei | mat, die

Es gibt einen Ort, der für fast jeden Menschen einen Fixpunkt im Leben bildet: seine Heimat. Heimat gibt heute vielen Menschen Orientierung und liegt wieder voll im Trend. Aber warum eigentlich?

Heimat ist wieder mehr als Jägerzaun und Gartenzwerg.

Die Fahrt über die Elbbrücken in das Herz von Hamburg. Der Anblick des Kölner Doms oder die Sicht auf die schneebedeckten Alpen am Horizont. Der Duft von Muttis Apfelkuchen oder von hohen Tannen, die im Wind rauschen – all das lässt viele Menschen das gute Gefühl erleben, wieder zu Hause zu sein, zurück in der Heimat. Heimat ist mehr als Jägerzaun und Gartenzwerg: 92 Prozent der Deutschen stehen dem Begriff mittlerweile positiv gegenüber. Aber warum gab es in den letzten Jahren diese massive Rückbesinnung auf die Heimat? Wieso kaufen wir bevorzugt Obst und Gemüse von regionalen Erzeugern? Weshalb ist Dialekt wieder sexy? Und warum gibt es jetzt eigene Heimatministerien?

Heimat – der ganz persönliche Rückzugsort.

Für die Renaissance des Heimatbekenntnisses gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben wir heute mehr Freiräume denn je. Es gibt weniger Regeln und Grenzen für jeden Einzelnen. Die althergebrachten Konventionen mag man als einengend empfinden. Gleichzeitig bildeten sie aber auch allgemeingültige Leitplanken, die Orientierung boten. Ihr Wegfall ist einerseits gut, verunsichert und stresst den Menschen aber auch.Der Hauptgrund für die Renaissance der Heimat als Orientierungshilfe und Rückzugsort dürfte der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel unserer Zeit sein.
Mit Globalisierung, Finanzkrise, Digitalisierung und Klimawandel erleben wir heute einen Umbruch, der alles Dagewesene, alles Erreichte und alle Sicherheiten infrage stellt. Wenn die Welt um einen herum immer indifferenter und schneller wird, beschäftigt man sich zwangsläufig mit der eigenen Identität, um seinen Platz zu finden und seine Zugehörigkeit zu definieren. Dabei besinnt man sich dann wieder auf die eigenen Wurzeln.

Heimat ist retro – im doppelten Sinn.

Das war übrigens schon einmal so: Das Wort Heimat wurde erst im 19. Jahrhundert populär, als sich die Lebensräume und der Lebensalltag der Menschen durch die Technisierung und Industrialisierung sowie durch die Verstädterung, die Landflucht und die ersten Auswanderungswellen so sehr veränderten, dass sie sich entfremdet fühlten.

Der Sozialwissenschaftler Ralf Dahrendorf beschreibt dieses Phänomen wie folgt, und obwohl er sich dabei auf die Globalisierung bezieht, könnte das Zitat genauso
zum 19. Jahrhundert passen:

»Während bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten immer weitere Räume zu ihrer Entfaltung brauchen und dabei jede Bodenhaftung verlieren, suchen Menschen immer kleinere Räume, in denen sie sich zu Hause fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können.«

Ganz frisch – die neue Heimatliebe.

Viele Menschen sehnen sich also in dieser Situation nach Geborgenheit. Und je größer die Veränderungen sind, desto deutlicher zeigt sich dieses Grundbedürfnis. Die Unsicherheit und Instabilität wollen sie durch die Rückbesinnung auf etwas Altbekanntes wiederherstellen, das ihnen schon früher Orientierung gab. Sie suchen nach einem Anker, besinnen sich auf ihre Wurzeln und finden dabei Halt in der Heimat. Die Heimat ist der kleine Raum, an dem man sich zu Hause und zugehörig fühlen kann und zu dem man immer wieder gerne zurückkehrt. Sie ist der Gegenentwurf zur bedrohten, globalisierten und technisierten Welt, in der es kaum noch Verlässlichkeiten gibt.

Was ist Heimat?

Fragt man die Menschen, was sie mit dem Begriff Heimat verbinden, ist das für die meisten die Familie (45 %). Danach folgen der Wohnort (16 %), der Geburtsort (15 %) und Deutschland (14 %). Nur 6 % nennen ihre Freunde, und lediglich 4 % verbinden nichts mit dem Begriff. Dabei zeigt sich, dass Heimat noch nicht einmal lokal verortet sein muss: Home is where your heart is. Was Heimat letztlich für einen persönlich bedeutet, erfährt man meistens erst, wenn man sie verlässt. Je weiter man sich von ihr entfernt, desto mehr wird man sie vermissen. Dann wird aus Heimatliebe Heimweh. Da ist es gut, dass man meistens an diesen Fixpunkt im Leben zurückkehren kann.

 

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