Voy! Ich komme!

Voy! Ich komme! – über die Blindenfußball-Mannschaft von Borussia Dortmund.

Wenn die Blindenfußball-Mannschaft von Borussia Dortmund aufläuft, ertönen keine Fangesänge und keine Pauken, kein rhythmisches Klatschen, keine Anfeuerungsrufe und auch keine 25.000 Kehlen auf einer Südtribüne, die »Heja BVB« singen. Stattdessen herrscht eine Atmosphäre wie auf dem Centre Court in Wimbledon: Nur wenn ein Tor fällt, wird geklatscht und natürlich auch gejubelt.

Das ist nur einer von vielen kleinen Unterschieden, der den Blindenfußball von dem der Sehenden unterscheidet, aber ein ganz wesentlicher. Denn wer nicht sehen kann, wo das gegnerische Tor ist, wo sich die eigenen Mitspieler befinden und von wo aus die Gegner anrauschen, muss sich voll und ganz auf sein Gehör verlassen und auch verlassen können. Mehr noch als der »normale« Fußball ist der Blindenfußball ein Mannschaftssport, der von der Kommunikation und der Zusammenarbeit der Teammitglieder lebt.

Zur Mannschaft gehören nicht nur vier blinde Feldspieler, sondern auch drei Sehende. Das sind der Torwart, der Trainer an der Seitenlinie und ein Tor-Guide hinter dem gegnerischen Tor. Als Rufer geben sie den Feldspielern Hinweise und Anweisungen, aber dazu später mehr. Dieses Teamwork untereinander, unabhängig davon, ob man sehen kann oder nicht, macht den Blindenfußball für Hasan Caglikalp zu etwas ganz Besonderem: »Der Sport bringt mir persönlich sehr viel«, sagt er, »man ist und bleibt eine Gemeinschaft, egal, ob man gewinnt oder verliert, wir sind wie eine große Familie.«

Ein Sommermärchen – auch für den Blindenfußball

Caglikalp ist deutscher Blindenfußballer der ersten Stunde. Menschen wie ihm ist es zu verdanken, dass es den organisierten Blindenfußball überhaupt gibt. Als die Blindenfußball-Bundesliga am 11. Mai die zwölfte Saison startete, stand auch er wieder auf dem Platz. Mit seinen 50 Jahren ist er mittlerweile der älteste Spieler der Liga. Seit 2006, dem Jahr des »Sommermärchens« mit der Fußball-WM im eigenen Land, ist er dabei. Vor seiner Fußballkarriere war er als erfolgreicher Torballer sogar mehrfacher Deutscher Meister. Die Fußball-Euphorie, die 2006 durchs Land schwappte, hat damals aber auch ihn und ein paar Torball-Kollegen erfasst. In ganz Deutschland schlossen sich damals Blinde und Sehbehinderte zusammen, um Fußball zu spielen und selbst ihrer größten Leidenschaft nachzugehen.

Hasan Caglikalp

Hasan Caglikalp fasst noch einmal seine Motivation zur damaligen Zeit zusammen:

»Die Affinität zum Sport und zum Fußball hatte ich schon immer. In meiner Schulzeit habe ich auf einem Ascheplatz gepölt und danach erfolgreich Torball gespielt. Als Sportfunktionär und Trainer hatte ich einfach Lust, mal Fußball auszuprobieren und habe direkt weitere Torballer begeistern können. Für mich beginnt mit Fußball der Leistungssport, meine Mitstreiter und ich wollten an diesem Punkt einfach den nächsten Schritt wagen.«

Tatsächlich ist der Blindenfußball in vielerlei Hinsicht eine echte Höchstleistung. Wer bei Blindenfußball an sehbehinderte Menschen denkt, die sich vorsichtig mit weißen Stöcken über den grünen Rasen tasten, liegt völlig falsch: Beim Blindenfußball geht es richtig zur Sache.

Großes Kino auf dem Kleinfeld. Auf einem 20 mal 40 Meter großen Kleinfeld treten zwei Mannschaften mit vier blinden Feldspielern an. Die Längsseiten sind durch Banden begrenzt. Sie sollen verhindern, dass der Ball das Spielfeld verlässt, und dürfen aktiv mit ins Spiel einbezogen werden.
Es gibt kein Abseits, auch das macht das Spiel schnell. Gespielt wird auf Hockeytore, die etwa 3,6 Meter breit und 2,1 Meter hoch sind. Ein Spiel geht über zwei Halbzeiten à 20 Minuten, unterbrochen von einer zehnminütigen Pause. Im Ball befinden sich Rasseln. Durch sie wird das Spielgerät akustisch wahrnehmbar und lässt sich orten. Sie machen ihn außerdem schwerer, was ein willkommener Nebeneffekt ist, denn dadurch springt der Ball weniger hoch und lässt sich besser kontrollieren.

In den Zweikämpfen geht es oftmals heiß her.  Deshalb tragen die Spieler einen Kopfschutz, der mögliche Verletzungen bei Zusammenstößen verhindern soll. Zusätzlich tragen die Spieler lichtundurchlässige Brillen, die eine möglicherweise vorhandene Restsehfähigkeit neutralisieren und für Chancengleichheit auf dem Feld sorgen.
Eine weitere Schutzmaßnahme ist die Voy!-Regel: Voy! ist Spanisch und heißt »Ich komme!«. Der Ausruf soll die Spieler vor Zusammenstößen bewahren. Nähert sich ein gegnerischer Spieler demjenigen mit dem Ball, muss er durch Voy!-Rufe auf sich aufmerksam machen, sobald er ihm auf fünf bis drei Meter nahe gekommen ist. Verstöße werden als Foul geahndet.

Der Sport verlangt den Spielern einiges ab. Die Fußballer müssen aber nicht nur einstecken können, sondern auch eine ganze Menge an weiteren Fähigkeiten mitbringen: »Als Spieler braucht man ein enormes Orientierungsvermögen, eine extrem schnelle Auffassungsgabe und einen inneren Kompass, um sich blitzschnell die eigene Position auf dem Platz, die der Mitspieler, die der Gegner, die des Balls und die des Tores zu vergegenwärtigen. Gleichzeitig muss man aber auch schon den weiteren Spielablauf abschätzen, auf sein Team, die Rufer und die Voy!-Rufe der anderen achten«, fasst Hasan Caglikalp die Anforderungen an einen Spieler zusammen.

Dass der Blindenfußball im Leistungssport angekommen ist, zeigt auch das »Tor des Monats« vom August 2018. Der durch einen Unfall erblindete Torschütze ist Serdal Celebi vom FC St. Pauli, der erst die gegnerischen Spieler des MTV Stuttgart ausdribbelte und dann noch den Torwart überwand, als er den Ball mit einem Hammerschuss oben links in der Ecke versenkte. Das Tor widmete Celebi hinterher übrigens allen Blindenfußballern, denn die sind auch vereinsübergreifend eine ganz große Familie.

Wie funktioniert das mit der Orientierung auf dem Platz?

changes: Der Platz verfügt über Markierungen für den Strafraum, einen Sechs- und einen Achtmeterpunkt sowie eine Mittellinie mit Anstoßkreis, die aber nur den Sehenden als Orientierung dienen. Wie finden sich die Spieler auf dem Feld zurecht?

Hasan Caglikalp: »Das meiste läuft über die Ohren. Der Ball rasselt, so weiß man immer, wo sich der ballführende Spieler gerade befindet. Als erfahrener Spieler besitzt man aber auch eine Art inneren Kompass, sodass man eine ungefähre Ahnung hat, wer und was sich gerade wo befindet und wo man selber ist. In der Halle hilft auch noch die Akustik der Wände. Am wichtigsten sind aber die Rufer, die uns mit allen nötigen Infos versorgen.«

changes: Können Sie uns das mit den Rufern kurz erklären?

Hasan Caglikalp: »Jede Mannschaft hat drei sehende Rufer, die uns Tipps und Anweisungen geben. Das sind der Tor-Guide hinter dem gegnerischen Tor, der den Angriff koordiniert, der Trainer an der Mittellinie für das Mittelfeld und unser eigener Torwart für die Abwehr. Jeder ist für ein Drittel des Spielfeldes zuständig und darf Anweisungen nur geben, wenn sich der Ball in seiner Zone befindet, ansonsten kann Teamfoul gepfiffen werden.«

changes: Woher wissen Sie, ob sich Ihnen gerade ein Mitspieler oder ein Gegner nähert?

Hasan Caglikalp: »Auch darauf achten natürlich die Rufer. Man kennt aber auch die Laufwege der eigenen Leute und deren Stimmen. Außerdem müssen sich gegnerische Spieler mit einem »Voy!« bemerkbar machen, wenn sie sich dem ballspielenden Spieler nähern. Sowieso wird ständig kommuniziert.«

changes: Ist das Publikum beim Blindenfußball deshalb so still?

Hasan Caglikalp: »Ja, natürlich, sonst hören wir ja den Ball und die Rufer nicht. Aber Torjubel ist natürlich immer okay.«

 

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